Ausstellung 2018

Vorwort

 

LIEBE KUNSTFREUNDE, Peter Karrié, dem Unternehmer, und Ulrich Schreiber, dem Künstler und Kurator, sei Dank, dass es in diesem Gewerbegebiet in Mainz-Hechtsheim Ausstellungen gibt, die einen repräsentativen Überblick über die Kunstszene in Rheinland-Pfalz bieten. In diesem Jahr hat sich der Kurator Ulrich Schreiber für die Bildhauerei entschieden. Vier höchst unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten und Kunstauffassungen beweisen, welche Ausdrucksmöglichkeiten die Sprache der Bildhauerei hat. Werner Bitzigeio ist Metallplastiker, Yun Heo hat sich der Installation verschrieben, Silvia Schreiber modelliert mit Papier, Kyra Spieker arbeitet mit Ton.

Die Kunstgeschichte beschreibt die Bildhauerei als das weite Feld zwischen Skulptur und Plastik. Viel aufwendiger als in der Malerei wird in der Bildhauerei das Material mit seinem jeweils eigenen Charakter zur Geltung gebracht. Werner Bitzigeio, der aus einer Steinmetzfamilie mit Tradition stammt, hat neue Wege für sein Verständnis von Bildhauerei gesucht und sein Material in Schweißelektroden gefunden. Mit diesem höchst eigenwilligen Material umwickelt er gebrauchte Armiereisen, baut daraus luftige, in sich gedrehte Stelen oder schweißt sie zu sensiblen Kugeln und zu einem quadratischen Brett zusammen. Die Koreanerin Yun Heo studiert an der Mainzer Kunsthochschule Bildhauerei. Ihre Objekte, die sie zu höchst eigenwilligen Skulpturen zusammenfügt, entnimmt sie dem Alltag. Dort fallen ihr Objekte ins Auge, die andere nicht wahrnehmen, wie die Kästen aus Omnibussen, die sie entkleidet, mit Wasser befüllt, zum Schwitzen bringt, wie Fahrgäste in überfüllten Bussen. Oder sie baut ein Schlüsselmonster, dem nichts anderes einfällt, als Schlüssel verschwinden zu lassen, die es unter seine zotteligen Arme birgt. Silvia Schreiber hat sich dem Menschen verschrieben, arbeitet die menschliche Skulptur aus feinstem Papier, gießt Büsten mit breiten Rändern, hauchdünn und sehr charakteristisch, während Kyra Spieker in ihrer Bildhauerei dem Ton alles abverlangt, was die moderne, minimalistische Skulptur so einzigartig macht. Wellenlinien, die Farbe spiegeln und Licht brechen.

Der Rundgang durch das Bürohaus der Firma Karrié bietet ein buntes, konzentriertes, sehr modernes Bild der zeitgenössischen Bildhauerei, den Machern sei Dank.

- Ihre Marianne Hoffmann

Künstler

 

WERNER BITZIGEIO // BILDHAUER

Werner Bitzigeio wurde 1956 in Schönecken in der Eifel geboren und stammt aus einer Steinmetzfamilie, deren Tätigkeit sich bis ins Mittelalter rekonstruieren lässt. Da scheint es nur normal, dass es einen Erben geben muss, der aus diesem Steinmetzkreis ausbricht. Werner Bitzigeio hat das getan und widmet sich nun als Bildhauer der Ästhetisierung des Drahtes, genauer gesagt, sein bevorzugtes Material sind Schweißelektroden. Mit diesem Industriematerial, das erst später die Farbe durch Umwelteinflüsse wechselt, umwickelt er alte, auf dem Schrott gefundene Armiereisen und windet sie hoch zu einer in sich gedrehten Stele, deren hohe Ästhetik durch den Einfall von Licht und die dadurch hervorgerufenen Lichtbrechungen noch erhöht wird. Fasziniert von der Möglichkeit, dass sich Eisen und Stahl im kalten und warmen Zustand walzen, schmieden, schweißen, biegen, falten oder sogar kleben lassen, kann er maßgeblich seine individuelle plastische Sprache und die stilistischen Eigenheiten seiner Werke bestimmen. So ist es ihm immer wieder möglich, Neues zu ersinnen, zu erfinden und ästhetisch zu gestalten, um beim Betrachter alle Sinne zu aktivieren, wie durch filigran strukturierte kugelige Drahtgeflechte, die er gerne in der Natur präsentiert. Natur und Draht, Eisen oder Metall gehen gut zusammen und bilden eine beruhigende Einheit. Und so beschäftigt sich der Bildhauer immer wieder aufs Neue mit seinen ehrlichen Materialien, die er in einer ehrlichen Form zu neuer Geltung bringt.

YUN HEO // BILDHAUERSTUDENTIN

Yun Heo wurde 1990 in Seoul geboren und hat gerade ihr Vordiplom in der Klasse für Bildhauerei bei Prof. Tamara Grcic an der Mainzer Kunsthochschule gemacht. Ihre höchst eigenwillige Interpretation von Bildhauerei ist vielen Besuchern bei den spannenden Rundgängen an der Mainzer Kunsthochschule in Erinnerung geblieben.

Yun Heo arbeitet sehr gerne mit Wasser und nutzt ganz banale Alltagsgegenständen, die kaum ins Auge fallen, als eigenständige Plastik. Bei „on my way“ (unterwegs, von 2017) sind ihr die Kästen oder Erhöhungen in Bussen oder Straßenbahnen aufgefallen, die im vorderen Teil des Verkehrsmittels scheinbar nutzlos eingebaut wurden. Yun Heo hat sie von ihrer Verkleidung befreit und fast weiße Körper entdeckt. Dank vieler Eiswürfel oder einfach nur Wasser, das sie in die Gehäuse einfüllt, fangen diese an zu schwitzen, so wie der Mensch, der dichtgedrängt in Bus oder Straßenbahn steht.

Schlüssel und Alltagsgegenstände, sie verschwinden, einfach so. Um diesem Phänomen nachzuspüren, hat Yun Heo eine Sitzbank mit Klauen und dickem Fell erschaffen. Unter den Klauenarmen schauen breit lachende Schlüssel, aus gelbem Plastik genäht, hervor. Das Schlüsselmonster ist für das geheimnisvolle Verschwinden verantwortlich.

SILVIA SCHREIBER // BILDHAUERIN

Sie wurde 1956 in Mainz geboren, hat hier studiert, bevor es sie auf Umwegen nach München zog. Ihr bildhauerisches Thema ist die menschliche Figur: Ihre überlebensgroßen Skulpturen aus Japanpapier erscheinen als fragile Hüllen und beeindrucken durch ihr Stehvermögen. Hauchdünn und federleicht bewegen sie sich fast schwerelos im Raum. Es sind Torsi, die einer bewussten Reduktion unterliegen. Wesentliche Merkmale genügen der Künstlerin, um die Skulptur als menschliche Gestalt erkennbar zu machen. Diesen Ganzfiguren stehen ihre sensiblen Portraitbüsten gegenüber: zwei Extreme von Individualität und Identifikation, Besonderheit und Allgemeingültigkeit, bei denen die Künstlerin jeweils die gleiche Sorte Japanpapier verwendet.

Silvia Schreiber verleiht ihren Bildnissen die erkennbaren Züge, die sie zum Individuum machen. Die monochrome Farbigkeit, die sie einer Person zuordnet, steht für sie im direkten Bezug zum Portraitierten. Bei den sechs Portraits von Kindern einer amerikanischen Kunstsammlerin, hat sie die Kinder nach deren Lieblingsfarbe befragt und diese dann der Büste zugeordnet. Die Persönlichkeit, die entsteht, erweist sich erst auf den zweiten Blick als Leichtgewicht aus Papier. Der erste Eindruck – eine massive Plastik mit allen sichtbaren Bearbeitungsspuren vor sich zu haben – verschwindet erst auf den zweiten Blick. Speziell gefertigte transparente Boxen beschützen die Büsten fast unsichtbar.

KYRA SPIEKER // BILDHAUERIN

Kyra Spieker wurde 1957 in Schiltach geboren und studierte in Höhr-Grenzhausen und Mainz. Sie hat ihre bildhauerische Tätigkeit einem sowohl spröden als auch sensiblen Material verschrieben, der Keramik. Es braucht unglaublich viel Fingerspitzengefühl, um so eindrucksvolle Skulpturen entstehen zu lassen, wie sie hier präsentiert werden. Quadratische Formen mit welliger Oberfläche scheinen über dem Wasser zu schweben. Die Skulpturen ruhen, jede für sich, in einem kühlen rechteckigen Alubecken. Das ruhig daliegende Wasser spiegelt die Form und wirft sie auf ihre Schlichtheit zurück. Wellenlinien signalisieren grundsätzlich Bewegung, verbreiten eine eigene Dynamik und brechen Licht, um neue Facetten der Form preiszugeben.

Seit 2006 nutzt Kyra Spieker die Wellenlinie als Basis für ihre Skulpturen. Von dieser Basis ausgehend, hat sie ein Grundmodul entwickelt, das sie als strukturellen Baustein für unterschiedliche Konstellationen nutzt. Konkave und konvexe Krümmungen geben der Bildhauerin die Gelegenheit, mit Farbspiegelungen zu experimentieren. Wenn ein Teil des Moduls farbig glasiert ist, dann taucht bei einer Gruppierung von mehreren Modulen, die dicht beieinanderstehen, das Phänomen auf, dass durch die Reflexion des Lichts die benachbarten Weißflächen die Farbe aufnehmen. Das strukturelle Denken von Kyra Spieker wird auch in Werken wie „Temporäre Bauten“ oder „beheimatet“ sichtbar.

Im Westerwald gefundene historische Tonscherben hat sie dicht nebeneinander in Werkstücke gedrückt, das gleiche geschieht auch mit geheimnisvollen Zahlen oder Buchstaben. Die dadurch gewonnene Verwandlung der Wellenelemente ist verblüffend und von hoher Ästhetik für das Auge.

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Flyer Ausstellung 2018